Wenn die Zivilgesellschaft bei Open Data hilft

Vor einigen Wochen wurde das Open Data Gesetz 2.0 beschlossen. Was sich damit für Open Data auf Bundesebene ändern wird: nichts. Das macht mich wütend. Deswegen helfe ich dem Bund bei seinem Open Data Problem.

Was der Bund besonders gut kann: schlechte Marketing Websites. Aber das kann ich auch

Vor zwei Wochen scrollte ich durch Twitter und stieß dabei auf eine Diskussion, ob es denn eine Programmierschnittstelle (API) zum Katastrophen-Warnsystem NINA gäbe. Und da machte ich, was ich in solchen Situationen eben mache. Ich öffnete meinen woman-in-the-middle-proxy, verband mein Smartphone mit meinem Forschungs-WLAN und schaute mal, was denn die NINA-App so mit dem Server des Bundesamts für Bevölkerungsschutz kommuniziert.

Eine Stunde späte hatte ich eine kurze Dokumentation der API geschrieben.

Das war ja einfach. Natürlich war es das.

Da stellte ich mir zwei Fragen:

  • Warum haben wir in Deutschland ganz offiziell noch immer keine offenen APIs und Schnittstellen, wenn es so einfach ist?
  • Kann ich dem Bund dabei helfen, endlich seine Schnittstellen zu dokumentieren?

Da mir ja gerne vorgeworfen wird, ich sei in meiner Kritik nicht konstruktiv genug, entschied ich mich nicht Ersteres zu kritisieren, sondern mich um Zweiteres zu kümmern. Da mich keine Bundesbehörde jemals wieder einstellen oder unterstützen würde, blieb nur Hilfe von außen. Ich gründe eine Bundesstelle.

Für eine Bundesstelle benötigt man:

  • eine richtig schlechte Landingpage mit wirklich schlimmen Stockfotos
  • einen Github Account, für OpenSource Code
  • einen Twitter Account, um mit der Welt zu kommunizieren
  • ein paar dokumentierte APIs

48h später: Zack fertig, Bundesstelle für OpenData.

Die Reaktionen

Auf Twitter wurde die Seite gefeiert und von einigen sogar kurz für echt gehalten. Der Tagesspiegel-Background berichtete. Alle Bundesministerien wussten also schnell Bescheid.

Innerhalb von weniger als 48h hatte ich das offizielle Kompetenzzentrum Open Data auf Twitter überholt, die mir daraufhin so leidtaten, dass ich sogar einen #FollowFriday für sie veranstaltete.

Und die Bundesbehörden, die die APIs betreiben: Die teilten mit, dass man rechtliche Schritte prüfe und die APIs besser schützen wolle.

Daten und APIs sind oft schon da

Viele Schnittstellen zu Bundesbehörden gibt es heute schon. Immer wenn ein Onlineangebot über eine App verfügt, gibt es in der Regel auch eine Programmierschnittstelle. So haben zum Beispiel die App der Bundesagentur für Arbeit oder die DWD-App richtig gute APIs. APIs die man eigentlich nur noch dokumentieren müsste und schon gäbe es offene Daten für alle.

Dann gibt es die Datensätze, die eigentlich offen im Netz stehen. Die sind oft, wenn man die entsprechenden Tricks kennt, einfach abzurufen. Auf Basis dieses Wissensprivilegs sind in den letzten Jahren ganze Geschäftsmodelle (z.B. northdata) entstanden.

Ich habe aufgrund meiner jahrelangen Arbeit mit “offenen aber nicht vom Bund freigegebenen Daten” das Wissen, wie man schnell an sie herankommt. Für die meisten Datenbestände besitze ich sogar schon die Tools, um auf diese zuzugreifen. Dieses “Herrschaftswissen” wollte ich möglichst vielen Menschen zugänglich machen.

Für die Daten, für die eine einfache API-Dokumentation nicht ausreicht, habe ich ein Python-Paket namens deutschland gebaut. Es hilft dabei auch auf etwas komplexer zugängliche Datenbestände wie z.B. Geodaten oder den Bundesanzeiger zuzugreifen.

Beim Bundesanzeiger benötigt man z.B. machine learning zum Abruf der Daten

Unser Widerstand muss praktisch werden — Referat 1312 braucht mehr Mitarbeiter*innen

Abteilung 1, Referat 312

Ich habe gerade auf der Bundesebene in den letzten 10 Jahren fast keine Bewegung hin zu ernsthaft mehr Open Data oder gar offenen Schnittstellen gesehen. Das liegt zum einen selbstverständlich an der völlig inkompetenten Regierungskoalition, die sich für das Thema auch herzlich wenig interessiert und außer einem völlig wertlosen Open Data Gesetz 2.0 nichts zustande bekam. Andrerseits aber auch an Beamt*innen, die denken, dass sie “ihre”, von der Gesellschaft finanzierten Datensätze und Programme vor der Gesellschaft “beschützen” müssen. Also quasi auch Inkompetenz.

Ich glaube, ich habe mit bund.dev gezeigt, wie unglaublich einfach es ist, diese Datenbestände zugänglich zu machen. Jetzt würde ich mir wünschen, dass ganz viele Menschen damit anfangen, dasselbe zu tun. Nicht nachfragen, einfach selbst dokumentieren. Ihr bekommt auch bund.dev T-Shirts dafür — nur zum Glück nicht vom CIO-Bund 😉.

Neue APIs für die Dokumentation könnt ihr hier vorschlagen. Den gesamten Code findet ihr natürlich auf Github. Danke an alle, die schon angefangen haben, sich zu beteiligen 😍.

PS. Vertraue niemals einer Internetseite

Ich will die CDU insbesondere aufgrund aktueller Vorfälle auf keinen Fall politisch unterstützen. Leider glaubten bis zuletzt einige Leute immer noch, die Seite könnte echt sein. Deshalb möchte ich hiermit auch nochmal klarstellen: Nein, die ist von mir.

Und liebe CDU: Was “eine Hackerin” an einem Wochenende hinbekam, hättet ihr doch in 10 Jahren hinbekommen können. Oder?

Wenn ihr meine zivilgesellschaftliche Arbeit zu Themen wie z.B. Verwaltungsdigitalisierung, Sicherheitsforschung und Open Data unterstützen wollt, dann könnt ihr das via Patreon tun. Außerdem könnt ihr mir auf Twitter folgen.

disruption as a service 🏳️‍🌈 https://de.wikipedia.org/wiki/Lilith_Wittmann

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