SafeNow: Mit Überwachungsapps zu mehr “gefühlter” Sicherheit?!

Der Werbung für SafeNow ballert.

Der Bahnhof Berlin Südkreuz ist bekannt dafür, als jüngster Fernbahnhof der Hauptstadt das Versuchslabor für alles Mögliche zu sein. Von Windrädern bis zu Farbkonzepten. Am liebsten nutzt den “Sicherheitsbahnhof” aber die Bundespolizei als ein Schaufenster “moderner” Polizeiarbeit. Über die letzten Jahre wurden hier unter anderem verschiedenste Verhaltens- und Gesichtserkennungssysteme erprobt. Immer mit mäßigen Erfolg und viel Widerstand aus der Zivilgesellschaft.

Seit letzter Woche testen Bundespolizei und DB-Sicherheit dort wieder einmal etwas Neues. Eine App für mehr Sicherheit. Die Idee: Alle Besucher*innen des Bahnhofs sollen sich die Applikation SafeNow herunterladen. Mit der können sie im Bahnhof jederzeit Hilfe rufen, falls sie sich unsicher fühlen oder etwas passiert, bei dem ihnen aus ihrer Sicht die Polizei weiterhelfen kann. Sobald in der App der zum Patent angemeldete Button “Hilfe rufen” gedrückt wurde, wird binnen Sekunden die Polizei alarmiert. Diese kann dann den Standort der Person, die den Notruf absetzte, sehen und ihr zur Hilfe eilen. Soweit zumindest die Theorie.

Laut einem Informationsvideo der Bundespolizei soll die App ansonsten besonders datensparsam sein und Standortdaten nur im Falle eines Notrufs weitergeben.

Theorie und Praxis

Die App wird nicht von der Polizei selbst entwickelt und betrieben. Sondern von einem Startup aus München. Eigentlich ist die Kernaufgabe der App nicht, in Gebäuden schnell die Polizei zu alarmieren, sondern sich mit Menschen aus dem eigenen Umfeld in Gruppen zusammenzuschließen und diese in Notfällen zur Hilfe zu rufen oder ihnen einfach seinen Standort zu teilen. An spezifischen Orten soll ein solcher Alarm nicht nur an seine Freunde, sondern auch an einen Sicherheitsdienst vor Ort (z.B. in einem Hotel) gesendet werden.

Ursprünglich erschien die Applikation im Mai 2021 und ist bis heute mit etwa 500 Downloads unter Android nicht sonderlich erfolgreich. Ein Grund dafür könnte sein, dass es schon viele Apps für vergleichbare Probleme gibt. Vielleicht brauchen wir aber auch schlicht keine solche App, mit der Freunde oder die Polizei zur Hilfe gerufen werden können. Vor allem, wenn wir für diesen scheinbaren Komfort permanent unseren exakten Standort mit einem Startup aus München teilen müssen. Das klingt eher nicht nach einer Steigerung der persönlichen Sicherheit, sondern löst ziemlich ungute Gefühle aus.

Denn weil die App ja eigentlich dazu da ist, den aktuellen Standort mit anderen Menschen zu teilen, tut sie das eben nicht nur im Falle eines Notrufes. Sondern auch ansonsten sendet sie die Position des Smartphones im Sekundentakt an die Betreiber der Applikation — die SafeNow GmbH. Egal ob ein Notruf ausgelöst wurde oder nicht.

Nur durch die Installation dieser App erhält also ein weiteres Unternehmen mit ungeklärten Geschäftsmodell und enger Kooperation zu Sicherheitsbehörden Deinen exakten Standort und somit auch jeden Ort, den Du mit deinem Smartphone besucht hast.

iPhone Warnmeldung, nachdem SafeNow 3 Tage Standortzugriff hatte.

Nancy Faeser gefällt das

Die Bundespolizei testet also gerade eine App, die die Alarmierung von Sicherheitskräften an Bahnhöfen einfacher machen soll. Die aber eigentlich nicht für diesen Zweck gebaut wurde und die bisher auch nicht sehr erfolgreich war.

Sie testet die App aber nicht nur. Sondern sie bewirbt sie auch massiv. Einerseits in Form von großen Werbeplakaten im Bahnhof sowie über die sozialen Medien. Andererseits aber auch über eine Pressemitteilungen zusammen mit dem Innenministerium, das von einer “App zur Steigerung des Sicherheitsgefühls” spricht. Gelobt wird die App außerdem von Innenministerin Nancy Faeser und Verkehrsminister Volker Wissing im Rahmen einer Pressekonferenz am Bahnhof Südkreuz, zu der verschiedene neue “Sicherheitsmaßnahmen” vorgestellt werden.

Also eine Menge Marketing mit einigen Falschaussagen zur Applikation (z.B. “dein Standort wird natürlich nur im Falle eines Alarms geteilt”).

Insgesamt wirkt das für uns wie eine sehr miese Rechnung: konservative Sicherheitspolitik (wie wir sie von der CDU kennen) + Innovations-Startup-Hype (wie wir ihn von der FDP kennen) = der zum Scheitern verurteilte Versuch, soziale Probleme mit hippen Tools zu lösen. Das klingt im Marketing vielleicht nicht wie Überwachungstechnik, sobald man ein wenig unter die Oberfläche schaut, wird aber klar: Genau das ist es. Und anscheinend verstehen die Verantwortlichen die verwendeten Technologien nicht einmal selbst. Denn anders lassen sich die falschen Werbeaussagen der Bundespolizei eigentlich nicht erklären.

Der zum Patent angemeldete Alarm-Button.

Der Gründer von SafeNow versteht seine App übrigens auch nicht als ein Überwachungstool. Ganz im Gegenteil: Er verkauft seine App eher als ein Hilfsmittel, um weniger Überwachung zu ermöglichen “Statt zu versuchen, alles zu überwachen, wollen wir jedem die Möglichkeit geben, sich bei den Leuten vor Ort melden zu können”.

Die Idee, dass eine solche App die “gefühlte Sicherheit” ernsthaft erhöht, widerspricht auch dem Stand der Forschung. So fanden Studien bereits häufiger heraus, dass Smartphones eine “eher geringe Wirksamkeit bezüglich des Sicherheitsempfindens zugeschrieben [wird]” und Nutzer*innen auch wirklich keine weitere App installieren wollen, um Zugang zu sicherheitsrelevanten Funktionen zu erhalten. (vgl. Sicherheitsempfinden, Sicherheitskommunikation und Sicherheitsmaßnahmen. Ergebnisse aus dem Forschungsverbund WiSima S69 ff). Weiterhin ist es natürlich fragwürdig, ob das Konzept der gefühlten Sicherheit überhaupt eine Grundlage für sicherheitspolitische Entscheidungen sein sollte.

Was auch keine Grundlage für sicherheitspolitische Entscheidungen sein sollte, sind Daten aus Erprobungen von Technologien, bei denen die Teilnehmenden besondere Anreize erhalten, damit sie z.B. eine App herunterladen oder sich von Kameras überwachen lassen. Das geschah so unter anderem 2017 bei der Erprobung von Verhaltens- und Gesichtserkennungssysteme in Form von Belohnungen. Im Falle der SafeNow App werden zwar keine Geschenke gemacht, aber es bleibt eine Erprobung unter den Menschen, die sich freiwillig dazu bereit erklären, die App herunterzuladen und für ein qualitatives Interview zur Verfügung stehen. So gewonnene Ergebnisse sind wissenschaftlich unseriös, geben keinerlei Indikation über die gesellschaftliche Akzeptanz oder den Nutzen der Technologien und sind somit für die politische Debatte ziemlich wertlos.

Anstelle eine weitere App eines Startups zu bewerben, hätte man auch die Panikfunktion auf Smartphones bewerben können. Das wäre datensparsam und würde vermutlich zu mehr Sicherheit führen als ein weiteres Leuchtturmprojekt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der solch eine Public-Private-Partnership im Bereich Überwachungstechnik eingeführt und beworben wird, ist besorgniserregend. Es ist schade, dass die Ampelkoalition mit den nutzlosen Apps da weiter macht, wo die Große Koalition aufgehört hat.

Das BMI äußerte sich auf unsere Anfrage nicht zu den Recherchen.

Dies war eine gemeinsame Recherche von fluepke (Patreon, Twitter) und mir, Lilith Wittmann (Patreon, Twitter).

UPDATE 27.07: Der Button ist nicht patentiert, sondern wurde nur zum Patent angemeldet. Dies wurde im Artikel entsprechend korrigiert. Wir wünschen weiterhin viel Glück bei der Patentanmeldung.

--

--

“der Schwarze Block der Verwaltungsdigitalisierung” 🏳️‍🌈 https://de.wikipedia.org/wiki/Lilith_Wittmann

Love podcasts or audiobooks? Learn on the go with our new app.

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store
Lilith Wittmann

Lilith Wittmann

“der Schwarze Block der Verwaltungsdigitalisierung” 🏳️‍🌈 https://de.wikipedia.org/wiki/Lilith_Wittmann