Die AfD entdeckt KI
In der letzten Woche wurden zwei Projekte der AfD bekannt, welche künstliche Intelligenz zum Verbreiten rechtsextremer Propaganda verwenden. Was wir aus der Recherche zum Social-Media-Tool “Alternita Studio” von AfD-Bundesgeschäftsstellenmitarbeiter Mario Hau sowie den “NGO-Files” des AfD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Maack lernen können.
Anfang der Woche herrschte Aufruhr bei vielen progressiven NGOs in Berlin. Grund dafür: die Ankündigung aus AfD-Kreisen, dass eine Webseite unter dem Titel “NGO-Files” veröffentlicht werden soll. Sie zeigte zu dem Zeitpunkt nur einen Countdown an. Das reichte aber schon für viele schlimme und definitiv nicht unberechtigte Befürchtungen darüber, was die AfD dort am 1. Juli veröffentlichen würde. Die Seite stammt aus dem Umfeld des AfD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Maack, der nach eigenen Aussagen den “NGO-Sumpf trockenlegen” will. Also NGOs abschaffen und ihnen jegliche staatliche Unterstützung entziehen.
Um genau zu sein, bezieht sich Maack aber laut einem Interview in einem der rechtsextremen Szene zuzuordnenden Podcast “Honigwabe” von Aron Pielka nicht etwa — wie die Bezeichnung vermuten ließe — auf alle Nichtregierungsorganisationen. Sondern primär auf solche, die sich für Ziele einsetzen, die nicht seinem Weltbild entsprechen. So möchte er gerne NGOs halten, die sich zum Beispiel für ein traditionelles Familienbild einsetzen oder die — wie das Rote Kreuz — Aufgaben der Daseinsfürsorge übernehmen.
Das alles sind nicht wirklich Neuigkeiten. Denn diesen Plan veröffentlichte Maack bereits im Juli 2025 über ein der BILD zugespieltes Papier. Damals sogar noch mit deutlich spezifischerem Bezug auf aus seiner Sicht “linke Vereine”. Gegen diese wollte er mithilfe der klassischen parlamentarischen Methoden wie Recherchen, Anfragen, Akteneinsichten und Klagen vorgehen. In dem Anfang der Woche veröffentlichten Podcast bezeichnete er das NGO-Files-Portal als das Ergebnis der Arbeit dieser Gruppen aus dem letzten Jahr.
Aufgrund all der Aufregung entschied ich mich, in der Nacht zum 1. Juli wachzubleiben und abzuwarten, was dort um Mitternacht veröffentlicht wird. Und tatsächlich erschien pünktlich um Punkt 00:00 Uhr ein Ladebalken auf der Seite und es wirkte so, als würde es dort jeden Moment losgehen. Doch dann passierte nichts. Und etwa 15 Minuten später war dort ein neuer Countdown zu sehen. Diesmal aber bis 1 Uhr morgens. Also wartete ich auch diesen ab. Er blieb einfach bei 00:00 stehen und es passierte wiederum nichts. Erst am Morgen des 1. Juli gegen 08:00 Uhr gingen die NGO-Files online.
Dort erschien nun ein Portal, das von seiner Aufmachung ein wenig an die Wikipedia erinnern soll. Etwa 70 Einträge zu einigen der größten Vereine finden sich darin. Darunter zum Beispiel die Amadeu-Antonio-Stiftung, Wikimedia oder HateAid. Sie enthalten vermeintliche Faktendaten wie Umsatz, erhaltene öffentliche Mittel oder beteiligte Personen. Zu vielen Organisationen gibt es dort neben dem textbasierten Eintrag auch ein Video sowie einen Podcast, beides mithilfe des KI-Tools NotebookLM von Google erstellt.
Wenn man heute allerdings versucht, die Einträge der drei Organisationen aufzurufen, dann erhält man nur eine Fehlermeldung. Sie wurden — wie die Profile fast aller Organisationen — wieder offline genommen. Am 3. Juli waren insgesamt nur noch vier Organisationen im Wiki der NGO-Files zu finden.
Das liegt wohl daran, dass die meisten dieser Einträge nach Angaben der betroffenen Organisationen fehlerhaft waren und die Organisationen daher rechtliche Schritte ankündigten oder bereits einleiteten.
Am Donnerstag erschien bei Correctiv eine Recherche zum AfD-Social-Media-Tool “Alternita Studio” der parteieigenen “Alternita Dienstleistungs-GmbH”, an der ich mitwirkte.
Bei “Alternita Studio” handelt es sich um ein Tool, welches aus tagesaktuellen Nachrichtenmeldungen mithilfe von KI-Modellen in Minuten AfD-Propaganda generieren und in sozialen Medien verbreiten kann. Gebaut wurde es maßgeblich von einem Mitarbeiter der AfD-Bundesgeschäftsstelle namens Mario Hau. Dieser beschäftigt sich — wie ich auf verschiedenen Portalen nachvollziehen konnte — seit Längerem mit Vibe Coding, also dem Prozess, Software automatisch und weitestgehend ohne menschliche Intervention zu bauen. Und bis kurz vor Veröffentlichung der Correctiv-Recherche befand sich auf seinem öffentlichen Profil bei dem Onlinedienst für kollaborative Softwareentwicklung GitHub auch Teile des Quellcodes von “Alternita Studio”. Eindeutig erstellt und publiziert von verschiedenen KI-Agenten.
Neben dem Quellcode für “Alternita Studio” gab es dort allerdings unter anderem auch Projekte, welche auf Basis von Programmierschnittstellen zu offenen Daten — wie zum Beispiel von Wikidata, OffeneRegister, Abgeordnetenwatch oder dem Lobbyregister — Reports über Organisationen erstellten.
Diese Schnittstellen werden von NGOs betrieben. Die Wikidata von der Wikipedia, OffeneRegister von der Open Knowledge Foundation und die Schnittstelle für Abgeordnetenwatch von der gleichnamigen NGO.
Die AfD hat nun also gelernt, mithilfe von KI Social-Media-Beiträge und Webseiten zu erstellen. Sie verfügt zwar dem Anschein nach nicht über die Kompetenzen, um offene strukturierte Daten zu verwenden, Webseiten zu bauen oder gar faktentreu zu recherchieren. Aber einige Mitglieder können gut genug mit einem KI-Agenten umgehen, um anderen das Gefühl zu geben, dass sie über diese Skills verfügen würden.
Sie benutzt dabei die Infrastruktur der progressiven Zivilgesellschaft. Denn die Organisationen, die sie zerstören wollen, haben zumindest in einigen Fällen die Datengrundlage der AfD-Tools erst geschaffen. Sie haben Daten befreit gemacht, strukturiert und veröffentlicht. Sie haben die Transparenz geschaffen, die die AfD in vielen Fällen ablehnt — aber ohne die sie Projekte wie die “NGO-Files” gar nicht erst hätten umsetzen können.
Dabei ist unklar, ob die Verantwortlichen das überhaupt mitbekommen. Es wirkt jedenfalls nicht so, als würden sie in diesem Maße verstehen, was ihre KI-Agenten da so treiben.
Das Problem ist, dass sie mit den Antworten der KI-Agenten offenbar häufiger nicht zufrieden sind und dann die Einordnung der Fakten selbst übernehmen wollen. So sagt Sebastian Maack im “Honigwaben”-Podcast “KI kann zwar die Fakten an die Oberfläche bringen, aber vieles nicht beurteilen. […] Das muss ein Mensch machen, da gibt es dann Grenzen. Die Grundlagen macht KI und darauf aufbauend kommen dann Rechercheteams”. Viel spricht dafür, dass gerade diese nachträgliche Einordnung dazu beitrug, dass die Beiträge ihre Faktentreue verloren.
Dass Rechtsextreme KI zunehmend einsetzen, ist inzwischen sogar Thema im ebenfalls diese Woche erschienenen Verfassungsschutzbericht. Dort weist der Verfassungsschutz darauf hin, dass “der Einsatz von KI-Anwendungen für die Erstellung von Musikinhalten, Liedtexten sowie visuellen Darstellungen für den Einsatz in sozialen Netzwerken den technisch-logistischen, zeitlichen und personellen Erstellungsaufwand erheblich reduzieren und den Verbreitungsgrad rechtsextremistischer Inhalte erhöhen” würde.
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir als progressive Zivilgesellschaft auf keinen Fall in Panik verfallen, nur weil ein paar Faschisten jetzt einige unserer Methoden cosplayen. Wir sollten weder anfangen auch KI-Slop zu verbreiten, noch sollten wir irgendetwas an unseren Recherchemethoden oder der Offenheit unserer Datenschätze ändern. Auch wenn Sebastian Maack glaubt, dass er spätestens nächstes Jahr erfolgreich gegen uns vorgehen könne, bin ich mir sicher, dass auch dann seine KI-Agenten weit davon entfernt sein werden, das zu tun, was wir so tagtäglich machen. Einfach, weil wir es schon seit Jahrzehnten erfolgreich tun und weil wir das hinbekommen, ohne uns neue Fakten ausdenken zu müssen.
Die größere Gefahr für unsere Arbeit geht allerdings gerade von CDU und SPD aus, die uns eine unserer wichtigsten rechtlichen Grundlagen zur Beschaffung von Informationen entziehen wollen. Das Informationsfreiheitsgesetz (IFG). Mit diesem ist es momentan allen möglich, Informationen von Behörden rechtssicher anzufragen und zu erhalten. Es stellt damit eine der absoluten Grundlagen der Recherchen von Journalist*innen und NGOs dar. Und auch viele offene Datensätze begannen einmal als IFG-Anfrage.
Also liebe AfD, da ihr ohne unsere Grundlagenarbeit eure Vibe-Recherchen niemals rechtssicher hinbekommen werdet — setzt euch doch dafür ein, dass das Informationsfreiheitsgesetz mindestens so bleibt, wie es ist. Dann haben wir — bei den “Parteien der Mitte”, die euch ja gerne in euren radikalen Positionen überholen wollen — gute Chancen, dass das IFG nicht zerstört wird. Und ihr — falls eure KI-Agenten irgendwann lernen, das IFG als Tool zu verwenden und eigene Recherchen anzustellen — vielleicht eine kleine Chance, dass es eines Tages auch bei euch was wird, mit datenbasierten Recherchen.
Updates
- 05.07.2026–17:00 Ergänzung von Halbsatz zu Aron Pielka als Urheber des “Honigwaben”-Podcasts.
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