Bundesservice Telekommunikation — enttarnt: Dieser Geheimdienst steckt dahinter

Lilith Wittmann
16 min readJan 24, 2022

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Vor einigen Tagen habe ich darüber berichtet, wie ich versehentlich über eine Bundesbehörde gestolpert bin, die es eigentlich gar nicht gibt. Den Bundesservice Telekommunikation. Ich war mir sicher, ich habe die Tarnbehörde eines Geheimdiensts entdeckt. Nur eine Tarnbehörde welcher der vielen Geheimdienste ist es? Ich glaube, das habe ich jetzt herausgefunden. Und noch so viel mehr.

Zur Erinnerung: Ich bin im Verzeichnis der Bundesbehörden über einen mindestens 10 Jahre alten Eintrag zu einem “Bundesservice Telekommunikation” gestolpert. Eine Institution, über die quasi nichts herauszufinden war. Weder über das Internet noch durch herumfragen in der Bundesverwaltung oder über eine offizielle Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz. Sie verfügt aber über Büroräume an einer Adresse in Berlin-Treptow und hat seit einigen Wochen sogar eine funktionierende E-Mail-Adresse.

Das kam mir alles so komisch vor, dass ich vorletzte Woche einen Artikel darüber schrieb. Davon erhoffte ich mir, mehr Hinweise zu bekommen und so herauszufinden, wer hinter dem ominösen Bundesservice steckt.

Hinweise auswerten

Nach der Veröffentlichung des Artikels meldeten sich viele Menschen bei mir. Sehr viele. Mit noch mehr Hinweisen. Manche nützlich und manche nicht so nützlich. Von wirklich brauchbaren Informationen bis zu einer Menge Weltverschwörung-Aluhüte war echt alles dabei.

Eine sehr nützliche Sache, die ich lernte, war z.B. auf der Website der Hausverwaltung des Gebäudes. Dort wird die Vermietung von 2500m2 an ein “Bundesministerium” in Treptow als eine Referenz aufgeführt.

Die Hausverwaltung vermietet nur ein Gewerbeobjekt in Treptow. Die Büroräume des Bundesservices in der Heidelberger Straße.

Hausverwaltung gibt Vermietung als Referenz an

Der Bundesservice verfügt in dem Gebäudekomplex also über insgesamt 2500m2 Fläche — genug für deutlich über 100 Menschen, die dort arbeiten könnten.

Während einer solchen Recherche trudeln aber auch immer eine Menge nutzloser Informationen ein, die dann ausgewertet werden müssen. Ich habe z.B. viele Hinweise zu anderen Firmen in den Gebäuden bekommen. Also habe ich jedes einzelne Unternehmen, das dort einen Briefkasten hat, analysiert. Die Geschäftsführerinnen und Jahresabschlüsse recherchiert, versucht zu verstehen, was die da eigentlich machen und wie lange schon. Ob irgendwer mal über sie berichtet hat und so weiter.

Und ja, einige der Firmen in dem Gebäudekomplex sind schon verdammt komisch. Da gibt es z.B. Glasfaserkabelhersteller, Testroboter für Geldautomaten oder Firmen, bei denen man beim durchlesen der Website überhaupt nicht versteht, was die denn nun tun.

Das Ding ist, das kann man in Berlin an jedem zweiten Bürogebäude genau so finden. Firmen haben ein unglaubliches Talent dafür, richtig unseriös zu wirken. Also komische Websites zu haben, ihre Jahresabschlüsse kryptisch aussehen zu lassen oder Geschäftsführer zu haben, über die man einfach nichts herausfindet. Probiert das mal aus! Sucht euch ein beliebiges Bürogebäude in Berlin und geht so lange Firmen durch, bis ihr denkt: “Ja, das ist garantiert ein Geheimdienst”.

Jedenfalls bin ich irgendwann, nach einigen Verdachtsmomenten zu dem Schluss gekommen: “Wahrscheinlich sind die anderen Mieter einfach komische — normale — Berliner Firmen. Das was wohl von den Hipster-Agenturen der späten 2010er so übrig geblieben ist”.

Relativ schnell gab es auch auf Plattformen wie Reddit Menschen, die erwähnten, dass sie im selben Gebäude arbeiten und dass das dort der Bundesnachrichtendienst (BND) sei. Leider ohne weitere Belege.

Und irgendwie passte das alles auch nicht zum BND.

Einfach mal vorbeischauen

Nachdem ich beim Recherchieren zu Hause nicht mehr weitergekommen bin, entschloss ich mich dort mal selbst vorbeizufahren. Das habe ich nämlich bisher immer vor mir hergeschoben.

Ich sah mich also vor Ort um. Und naja die Gegend ist fast schon auffällig unauffällig. Was aber dann doch auffällig ist, ist die Reihe VW t6 Transporter in der Tiefgarage. Alle gut gewartet und sauber — trotz Winter. Wurden also vermutlich schon etwas länger nicht bewegt.

Volkswagen Transporter in der Tiefgarage

Volkswagen Transporter ohne Beschriftung sind beliebte Fahrzeuge des Verfassungsschutzes. Das nehme ich zumindest an, nachdem ich mir diverse Dokumentationen über den Verfassungsschutz angesehen habe.

Das eigentlich witzige an den Autos in der Tiefgarage ist allerdings, dass sie bisher in keinem der vielen “ich war vor Ort”-Artikel erwähnt wurden. Waren die ganzen Online Redakteure etwa garnicht da? 😬🤫

Alle Vorhänge der Räume beim Bundesservice waren zugezogen und es wirkte so, als wäre zu meinem Besuch niemand mehr vor Ort gewesen.

Also wieder zurück an den Schreibtisch.

Spaß mit IP-Adressen

Eine Sache, auf die ich selbst irgendwie erst relativ spät durch einen Tipp gekommen bin — obwohl es eigentlich offensichtlich ist: Man kann in der Datenbank der Organisation RIPE nachsehen, ob es dort irgendwelche IP-Adressen gibt, die auf eine bestimmte analoge Anschrift registriert sind.

Die RIPE-Datenbank, das ist sowas wie das Grundbuch aller europäischen IP-Adressen. Nur dass Unternehmen da in der Regel anstatt einer einzelnen Adresse ganze Nummernblöcke besitzen. Und jeder dieser Nummernblöcke hat dort eine eingetragene Ansprechpartnerin. Und nach diesen Ansprechpartnerinnen können Interessierte suchen.

Und in der Regel haben dort Unternehmen und Behörden eigene IP-Nummernblöcke, die ihnen zugeordnet sind. Und die wir dann dementsprechend mit Adresse und Ansprechpartnerin finden können.

Hinweis: Grundsätzlich kann jeder, der IP-Adressen besitzt, quasi alles, was er möchte, in die Datenbank der RIPE eintragen. Allerdings wirken die nun folgenden Einträge valide und in sich schlüssig. Die dort vermerkten E-Mail-Adressen funktionieren alle.

Wer in dieser Datenbank nun nach der Adresse des Bundesservices Telekommunikation — also nach der Heidelberger Str. sucht, der findet dort: 🥁

BMI Treptow in der RIPE Datenbank

Augenscheinlich einen Eintrag zu IP-Adressen eines Internetanschlusses der Deutschen Telekom, der dem Bundesinnenministerium (BMI) zuzuordnen ist. Und der ist — obwohl er keine Angabe zur Hausnummer enthält — ziemlich interessant.

Denn wir erinnern uns: Am Haus klebte nicht nur ein Briefkastenschild des Bundesservices Telekommunikation sondern auch des BMI.

Briefkästen BMI/Bundesservice

Das Interessante an dem Eintrag in der RIPE-Datenbank ist zuallererst die E-Mail-Adresse. Vorweg: Diese funktioniert diesmal auch. Und sie ist augenscheinlich nicht vom Bundesservice Telekommunikation,weil sie nicht mit bst.bund.de endet.

Eine E-Mail-Adresse wie hier “Z27_1@bmi-treptow.bund.de” klingt für Menschen, die sich noch nicht so viel mit Behörden beschäftigt haben, erstmal sehr komisch. Ist aber eigentlich ganz einfach zu lesen:

Z: Die Zentralabteilung — also die Verwaltungsabteilung der Verwaltung

2: Die Unterabteilung 2 der Z-Abteilung. Im BMI heißt die “Zentrale Dienste II”.

7: Das Referat 7 (in der Unterabteilung 2 in der Abteilung Z)

_: Ein Unterstrich — Ende der Referatsbezeichnung

1: Postfach 1. Das sind entweder Personen oder Funktionspostfächer

Also augenscheinlich eine E-Mail-Adresse des BMI für irgendein Verwaltungsreferat.

Leider gibt es mit dieser E-Mail-Adresse zwei Probleme:

  • Weder gibt noch gab es laut Organigramm im BMI jemals ein Referat 7 in der Unterabteilung Z 2. 🤔
Kein Referat Z II 7❓❓❓
  • Das Bundesinnenministerium hat in Treptow gar keinen Standort. Allerdings zwei Behörden, die dem BMI nachgeordnet sind, haben dort einen Sitz: Das Bundesamt für Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt. (Außerdem sind dort einige gemeinsame Sicherheitsbehörden, an denen auch der BND beteiligt ist. Wie z.B. das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) 🥸)

OK, wir haben hier also mal wieder eine Domain bzw. E-Mail-Adresse einer Behörde, die es so gar nicht gibt, gefunden. Diesmal zu einem Behördenstandort des BMI, den es offiziell gar nicht gibt.

Irgendwie ist das Vorgehen uns ja so ähnlich schon bekannt — vom Bundesservice Telekommunikation (poststelle@bst.bund.de).

Noch eine BMI Außenstelle

Wenn es zwei (Tarn-)Behörden nach diesem Schema gibt, dann gibt es vielleicht auch noch mehr davon. Da sich die RIPE-Datenbank gerade schon als sehr ergiebig herausgestellt hat: Mal weiter suchen.🕵🏻‍♀️

Diesmal gezielt nach weiteren E-Mail-Adressen, die nach dem Innenministerium klingen.

Bingo!

Und nur wenige Minuten später werde ich fündig. Laut RIPE-Datenbank hat ein BMI in Köln (das unter poststelle@bmi-koeln.bund.de erreichbar ist) einen Telekomanschluss.

Allerdings gibt es — genau wie in Treptow — auch in Köln offiziell kein Büro des Innenministeriums. Und in Köln sitzt auch nur eine einzige nachgeordnete Behörde des BMI. Das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Apropos, auch der sogenannte “Verfassungsschutz” müsste doch eigentlich IPs bei der RIPE registriert haben. 🤔

Vom BMI zum Verfassungsschutz

Also suche ich mal gezielt nach BfV (also Bundesamt für Verfassungsschutz) in der Datenbank und siehe da: Es gibt eine ganze Liste an Treffern — nicht nur von Fußballvereinen.

Oh so viele Ergebnisse für den Verfassungsschutz

Und tatsächlich finden wir das, was wir auch schon bei unseren BMIs in Köln und Treptow gefunden haben: einen Telekomanschluss. Diesmal mit der Kontakt-E-Mail-Adresse poststelle@bfv.bund.de.

Schon wieder so ein 🥔-Name

Zusätzlich finde ich zum BfV mehrere IP-Adressen, die ins Straßburger Rechenzentrum des Hostinganbieter velia.net zeigen. Die haben die E-Mail-Adresse 3a6_tkue@bfv.bund.de. Ihr kennt das Spiel schon. Einmal im Organigramm nachschauen. Abteilung 3 ist für Maßnahmen nach Artikel 10 GG zuständig — das regelt, in welchen fällen Behörden Menschen z.B. abhören können. Das TKUE, das steht dann wohl für Telekommunikationsüberwachung. Also habe ich hier vermutlich die IP-Adressen der Server gefunden, die für das Bundesamt für Verfassungsschutz Menschen ausspionieren. In einem Französischen Rechenzentrum eines amerikanischen Anbieters. Lasst das mal nicht das Zentrum für digitale Souveränität hören!

Aber zurück zu den Telekom Hausanschlüssen!

Wir haben nun also in der RIPE-Datenbank 3 Treffer zu Anschlüssen der Deutschen Telekom in 3 Städten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen.

Alle RIPE-Einträge in der Übersicht. Findest Du alle Gemeinsamkeiten?

Irgendwie haben diese RIPE-Datenbank-Einträge mehr gemeinsam als ich erwarten würde 🕵🏻‍♀️. Und zwar nicht nur, weil all diese Namen — Manfred Bausinger, Michael Friedrich oder Winfried Erbertshagen — wie aus einem 🥔-Namensgenerator klingen.

Was hat sie Verraten — die Metadaten

Aber da ist noch mehr:

  • Der Eintrag zum “BMI-Treptow” — zeigt in die Heidelberger Straße (wo auch der Bundesservice Telekommunikation sitzt).
  • Der Eintrag zum “BMI-Köln” — zeigt auf ein Kölner Postfach 10 05 26, 50445 Köln.
  • Der Eintrag zum “Bundesamt für Verfassungsschutz” — zeigt auf ein Kölner Postfach 10 05 53, 50455 Köln.

Also Postfach 10 05 26 und 10 05 53 — das sind doch Nachbarn! 🧐

Zwei Einträge zum BMI, in Städten, in denen das BMI offiziell keine Außenstellen hat. Weder im Köln noch in der Heidelberger Straße in Berlin-Treptow gibt es irgendeine Liegenschaft, in der das BMI offiziell sitzt.

Kommt uns bekannt vor?

Im BMI kennen auch Mitarbeiter*innen niemanden mit standortspezifischen E-Mail-Adressen. Wie z.B. @bmi-treptow.bund.de. Alle haben immer E-Mail-Adressen im Stil von @bmi.bund.de.

Auch im CERT-Bund des BSI, das sich um die IT-Sicherheit des Bundes kümmern, kennt keiner diese E-Mail-Adresse. Deshalb habe ich diese E-Mail-Adressen auch dort sicherheitshalber einmal gemeldet. Auf diese Meldung gab es keine Rückmeldung durch das CERT-Bund an mich.

Mehr Gemeinsamkeiten

In Berlin-Treptow und Köln mag es zwar offiziell keine Außenstellen des BMIs geben. Was es aber sowohl in Köln, als auch in Treptow — wenn auch bisher nicht offiziell in der Heidelberger Straße — gibt: Das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Verbindungen, überall Verbindungen 🤯.

Zusammengefasst: Was haben wir jetzt herausgefunden?

  • In der Heidelberger Straße gibt es laut RIPE-Datenbank das BMI Treptow.
  • In der Heidelberger Straße klebt an der Hausnummer 63/64 ein BMI-Schild (neben dem Schild Bundesservice Telekommunikation).
  • Das BMI hat offiziell keinen Sitz in Treptow und verwendet auch die bei der RIPE angegebene E-Mail-Domain bmi-treptow.bund.de ansonsten nirgends. Auch mit einer Google-Suche dazu findet man nichts.
  • Man findet in der RIPE-Datenbank genau eine andere E-Mail-Adresse mit demselben Format, aber in einer anderen Stadt — in Köln: bmi-koeln.bund.de. Auch zu dieser Domain findet man bei Google fast nichts. Und auch in Köln hat das BMI selbst offiziell keinen Sitz.
  • Sowohl in Treptow — als auch in Köln sitzt allerdings offiziell das Bundesamt für Verfassungsschutz.
  • Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat ebenfalls Einträge unter seinem eigenen Namen bei der RIPE.
  • Die Postfächer, die bei den beiden Einträgen in Köln (also beim BMI und beim BfV) angegeben sind, liegen direkt nebeneinander. (Postfach Nummer 10 05 26 und 10 05 53)
  • Diese Domains bmi-treptow.bund.de und bmi-koeln.bund.de existieren mindestens seit 2011. Da es aus 2011 ein Pastebin Eintrag gibt, in dem alle Subdomains von bund.de aufgelistet sind, ist das sehr gut nachvollziehbar. Den Domaineintrag zum Bundesservice Telekommunikation (also die Domain bst.bund.de), der im Januar 2022 neu angelegt wurde, gab es auch damals nicht.

Aufgrund dieser Informationen ist nun also anzunehmen:

  • BMI-Köln und BMI-Treptow sind Tarnbezeichnungen für das Bundesamt für Verfassungsschutz.
  • Der Bundesservice Telekommunikation teilt sich eine Adresse mit dem Verfassungsschutz in Berlin. Es ist daher anzunehmen, dass der Bundesservice also in irgendeiner Weise mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz verbunden ist. Oder einfach nur eine weitere Identität des Verfassungsschutzes ist.
Wer tarnt hier was? Und warum stehen hier Agentinnen rum?

Lieber beim BMI arbeiten als beim Verfassungsschutz!

Wir erinnern uns wieder an die Kölner Postfachnummern. Die findet man auch an anderen Stellen im Internet. Das Postfach mit der Nummer 10 05 26 benutzt z.B. auch die sogenannte “Betriebssportgruppe des BMI Köln”. Also scheinbar die Betriebssportgruppe des Verfassungsschutzes. Was sagt uns das jetzt? Auch beim BfV machen Leute gerne Sport. Und ihnen ist es so peinlich beim BfV zu arbeiten, dass sie das lieber nicht zugeben. Sie benutzen das BMI also als eine Tarnbehörde des BfV.

Sport nach dem Mord.

Tilo Jung fragt nach!

An dem Punkt der Recherche erreichte mich die Nachricht, dass Tilo Jung gerade in der Bundespressekonferenz beim BMI nach dem Bundesservice Telekommunikation gefragt hat.

Vom BMI gibt es aber nur ein überspezifisches Dementi: “Im Geschäftsbereich des BMI gibt es keine Behörde mit der Bezeichnung Bundesservice Telekommunikation”. Das klingt natürlich erstmal wie ein Rückschlag.

Allerdings ist das nichts unerwartetes und es bestätigt auch weiterhin meine Hypothese. Und dass der Bundesservice offiziell keine eigenständige Behörde im Geschäftsbereich des BMI ist, das wussten wir dank einer IFG-Anfrage auch schon vorher. Eine Tarnidentität einer Behörde ist natürlich keine eigenständige Behörde sondern eben nur eine Tarnidentität.

Dass das BfV sowas machen kann, das steht z.B. im Bundesverfassungsschutzgesetz § 8 Absatz 2:

Das Bundesamt für Verfassungsschutz darf Methoden, Gegenstände und Instrumente zur heimlichen Informationsbeschaffung, wie den Einsatz von Vertrauensleuten und Gewährspersonen, Observationen, Bild- und Tonaufzeichnungen, Tarnpapiere und Tarnkennzeichen anwenden. In Individualrechte darf nur nach Maßgabe besonderer Befugnisse eingegriffen werden.

Und das Tarnorganisationen — auch vom BfV — weiterhin eingesetzt werden, das steht z.B. in der kleinen Anfrage der Linksfraktion aus dem Jahr 2014.

Anruf! Konfrontation!

OK, irgendwie sollten all diese Hypothesen jetzt nochmal verifiziert werden. Und so langsam, kommt man im Internet nicht mehr weiter. Aber was bei Behörden ja immer ein Erfolgsmodell ist, ist einfach anrufen.

Es ist der 18.01.2022. Es ist 01:58 morgens. Meiner Meinung nach ein sehr guter Zeitpunkt um ein paar wichtige Telefonate zu führen.

Also mal mit dem BMI Treptow anfangen. Zu diesen gibt es die Nummer eines Michael Friedrich in der RIPE-Datenbank. Es klingelt 3 mal. Ein Mann nimmt ab und meldet sich. Leicht sächsischer Akzent, etwa 50.

*genuschellt*

MF: Michael Friedrich, Wer spricht denn da?

L: Guten Abend, spreche ich hier mit dem Verfassungsschutz?

MF: Wer sind Sie und äh… was wollen Sie? *Irritiert, unruhig*

L: Ja mein Name ist Lilith Wittmann und ich habe nur eine kurze Frage an Sie Herr Friedrich: Spreche ich mit dem Verfassungsschutz?

MF: Nein mit Michael Friedrich — ich glaube sie haben sich verwählt.

L; Also spreche ich nicht mit dem Verfassungsschutz?

MF: Aber doch nicht Nachts um 2 Uhr… Und was wollen Sie eigentlich von mir?

L: Ich hatte ihnen eine Frage gestellt. Ich hatte ihre Telefonnummer im Kontext des BMI Treptow gefunden und zwar wollte ich wissen, ob das eine Tarnbehörde des Verfassungsschutz ist?

MF: Wir hören jetzt hier mal auf zu reden! *aufgehängt*

Was auffällig war, während des Gespräches: Er wirkte sehr wach, war sofort da. Und das war für ihn wirklich unerwartet.

Direkt nach dem Gespräch, wollte ich Herrn Friedrich noch schnell eine E-Mail schreiben. Da er mir aber seine E-Mail-Adresse nicht genannt hat, habe ich ein paar mehr durchprobiert:

Michael.Friedrich@bst.bund.de

Michael.Friedrich@bmi-koeln.bund.de

Michael.Friedrich@bst.bund.de

Michael.Friedrich@bfv.bund.de

Und die vom Verfassungsschutz hat tatsächlich als einzige E-Mail-Adresse funktioniert.

Das könnte ein Treffer ins Schwarze sein und das ist unser Michael Friedrich aus dem Eintrag bei der RIPE, der da ans Telefon ging. Oder es war schlicht Zufall und jemand anderes bekam eine E-Mail von mir.

Leider hat Herr Friedrich keine drei Nebenjobs.

Von da an, war die Handynummer des Herrn Friedrich nicht mehr erreichbar. Auch nicht in den Tagen darauf.

OK und weil das beim BMI in Treptow schon so gut Nachts um 2 Uhr geklappt hat, versuche ich das doch als nächstes auch noch beim BMI in Köln (+49 221 12071840).

M: Bundesministerium des Inneren in Köln

W: Guten Abend, mein Name ist Wittmann bin ich hier richtig beim BMI Köln?

M: Ja, genau beim BMI Köln.

W: Wo sitzen Sie denn ?

M: In Köln

W: Aha, Wo in Köln habe ich denn, da angerufen, beim Verfassungsschutz?

M: Beim Bundesministerium des Inneren in Köln

W: Aber in Köln gibt es kein Bundesministerium des Inneren.

Wo sitzt denn das Bundesministerium des Inneren?

M: Dazu kann ich ihnen keine Auskunft, rufen sie zu Dienstzeiten wieder an.

*Legt auf*

Diese Nummer ist weiterhin erreichbar. Rund um die Uhr. Wird von verschiedenen Menschen beantwortet. Und es gibt immer wieder ähnliche Aussagen. In Köln beim BMI. Aber in welchem Referat, welcher Liegenschaft oder Geschäftsbereich — dazu gibt es keine Auskunft. Was sie dort machen? Sie verbinden Menschen von A nach B. Zu wem man verbunden werden kann? Kann die Person am Telefon nicht sagen. Auch zu einem Bundesservice Telekommunikation “können und wollen sie nichts sagen”.

Einen Herrn Friedrich kennen sie aber nicht.

Im richtigen BMI in Berlin ist die Kölner Telefonnummer, sowie die Dienstleistung einer Rund-um-die-Uhr-Telefonzentrale nicht bekannt.

Eine 24h Telefonhotline, um Leute zu verbinden, ohne zu wissen, wen denn so genau. Ohne dass irgendwer in der Behörde die Hotline kennt. Das kann sich doch heute keine kaputtgesparte, McKinsey optimierte Behörde mehr leisten.

Außer natürlich, man ist eine Sicherheitsbehörde, die sich jeglicher gesellschaftlicher Kontrolle entziehen kann. Und in den letzten 20 Jahren ihre Mitarbeiter*innen-Zahl verdoppelt und trotzdem wirklich nichts für die Gesellschaft gemacht hat. 🤔

Deutschlandreise

Es gibt nun also eine Menge Indizien, dass das BMI Köln und das BMI Treptow Tarnbehörden des Verfassungsschutzes sind. Aufgrund der gemeinsamen Adresse des BMI Treptow und des Bundesservice Telekommunikation gehe ich davon aus, dass uns diese Information auch mehr über den Bundesservice Telekommunikation verraten wird.

Aber es fehlt noch der letzte Beweis, denn von den Mitarbeiter*innen, mit denen ich sprach, wurde ja immer abgestritten, dass sie Teil des Verfassungsschutzes sind.

Ein guter Indikator wäre zum Beispiel, wenn wir wüssten, dass die Post für das “BMI Köln” auch tatsächlich beim Verfassungsschutz landet.

Nachvollziehen, wo Post landet. Das geht entweder mit sehr viel manueller Recherche. Oder man verschickt einfach ein kleines Gerät, das regelmäßig seine aktuelle Position übermittelt (ein sogenannter Airtag). Und schaut, wo dieser landet.

Also eine “Reisezeitung” — Norwegen mögen die beim Verfassungsschutz bestimmt — mit passender Dicke zerschnippelt, Peilsender eingebaut und ab in den Briefkasten.

Norwegen! Das ist doch ein Reiseziel für den BfV

Und nach einer Fahrt vom Briefkasten zum Berliner Sortierzentrum über die A1… bis ins Briefzentrum Köln-Ehrenfeld.

Warte, Ehrenfeld, Ehrenfeld 🤔. Da fällt mir Böhmermann ein — ist das BMI-Köln vielleicht einfach nur eine Fakebehörde von ihm? 😲

Eine kurze Google-Suche verrät allerdings, dass der Verfassungsschutz auch nur 10 Minuten vom Briefzentrum entfernt sitzt. Und tatsächlich, wenig später — pünktlich um 8:30 Uhr morgens — taucht der Brief beim Verfassungsschutz in Köln auf. Wir hatten also viel Glück und es handelte sich nicht um ein richtiges Postfach sondern nur um eine Postfachnummer. Wenn man an diese Postfachnummer nun einen Brief sendet, wird dieser direkt an den Empfänger ausgeliefert und muss nicht aus einem Postfach abgeholt werden.

Jetzt kein Signal mehr.

Wir wissen jetzt also sicher: Das BMI Köln ist im Gebäude des Verfassungsschutzes. Der “Verfassungsschutz” verwendet das BMI also als Tarnung. Und da das “BMI-Köln” nach dem gleichen Schema wie das “BMI-Treptow” aufgebaut ist, trifft das aus meiner Perspektive auf beide Standorte zu.

Außerdem können wir jetzt, da sich das BMI Treptow und der Bundesservice Telekommunikation Räumlichkeiten teilen, davon ausgehen, dass der Verfassungsschutz am Bundesservice Telekommunikation zumindest irgendwie beteiligt ist.

Ich denke, dass viele “Verfassungsschützer” nun einige unangenehme Gespräche in ihrem Freundeskreis führen müssen.

Wer allerdings auch mal dringend reden müsste, sind das BMI, das BMJ und insbesondere Herr Andreas Könen. Und zwar über die Aufgaben des Bundesservice Telekommunikation und natürlich ihre Falschaussagen bei den Regierungspressekonferenzen 😉. Vielleicht doch nochmal suchen gehen, ob es noch irgendwelche nicht geschredderten Akten zum Thema Bundesservice Telekommunikation gibt.

Aber darum geht es dann im nächsten Teil dieser Serie.

Lieber Verfassungsschutz, den Airtag könnt ihr behalten, dann spart ihr euch Leute bei der nächsten Observation und vielleicht auch die ein oder andere Endgeräteüberwachung — hab gehört, die sollen nämlich sehr teuer sein 😉😉😉.

  • Update 24.01 13:38: Zu der gesamten Recherche passen auch die heutigen (24.01) Antworten auf die Fragen aus der Bundespressekonferenz.

Das alles waren jetzt nur die Recherche-Ansätze, die mich weitergebracht haben. Die komplette Recherche, ob diese Adresse irgendwie in den NSA-Skandal verwickelt war, …, erspare ich euch an dieser Stelle mal. Denn das konnten wir mittlerweile zwar nicht ausschließen, ergibt aber auch aus verschiedensten Gründen keinen Sinn.

Diese Recherche war nicht sonderlich schwierig. Eigentlich nur öffentliche Informationen strukturiert auswerten und kombinieren. Wir haben eigentlich genau das gemacht, was der Job des “Verfassungsschutz” ist.

Wenn die aber wirklich so schlecht darin sind, sich vor Methoden, die sie selbst anwenden können müssten, zu verstecken. Dann lässt das für mich eigentlich nur einen Schluss zu: Die sind unglaublich inkompetent. Oder wir wirklich gut — hat ja auch mindestens ein Jahrzehnt lang geklappt. 🤯

Aber naja, wenn wir bedenken, wie schlecht sie die Verfassung schützen (siehe z.B. NSU, Lübcke, Hanau), da passt das alles schon ganz gut ins Bild.

Und da frage ich mich mal wieder, warum wir eine so inkompetente, von Faschisten unterwanderte, Behörde in Deutschland brauchen.

Deshalb: Verfassungsschutz abschaffen. Alle Geheimdienste abschaffen.

Danke an alle Menschen die bei dieser Recherche mitgeholfen haben. Insbesondere Tilo Jung für die sehr guten Fragen in der Bundespressekonferenz.

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